Home | Impressum | Kontakt

Ferien auf dem Pferdehof - Spaß, Verantwortung und neue Erfahrungen

Eine Woche lang können die Teilnehmer das Leben mit den Pferden und auf dem Hof kennen lernen – und dabei machen sie mehr Erfahrungen, als es auf den ersten Blick scheint. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, im Team zusammenzuarbeiten und sich im Zweifelsfall selbstbewusst durchzusetzen.

„Wenn ich groß bin, habe ich auch ein eigenes Pferd.“ Diesen Satz hören nicht nur viele Eltern – und sind von der Idee nicht immer begeistert – auch das Team der „Ferien auf dem Pferdehof“ wird alljährlich mit dieser Aussage konfrontiert. Egal ob klein oder groß, Neuling oder Pferdeprofi, jedes Jahr sind sich die Teilnehmer einig: Ein eigenes Pferd muss her. Dass das aber mehr bedeutet als Spaß auf dem Pferderücken, lernen unsere Jungs und Mädels bereits am ersten Tag. Denn so ein Pferd ist kein Sportgerät. Es ist ein Lebewesen, das Rechte hat und Pflichten mit sich bringt. Ein Pferd bedeutet vor allem eins: Jede Menge Verantwortung und Arbeit. Wer reiten will, muss erst mal dafür sorgen, dass es seinem vierbeinigen Partner gut geht. Dazu gehört, dass die Pferde ordnungsgemäß aus der Box geholt und angebunden werden müssen. Auch das richtige Putzen ist wichtig und will gelernt sein. Dabei werden sogar die ungeduldigsten Zeitgenossen zu richtigen Perfektionisten und das Team staunt nicht schlecht, mit welchem Ehrgeiz die Teilnehmer sich dieser Aufgabe widmen. Hufe auskratzen, Fell abbürsten, Mähne flechten, damit sie nicht unangenehm am Sattel hängen bleibt: Die Liste ist lang und wird akribisch abgearbeitet.

Besonders schön ist es, dass wirklich jeder helfen kann. Auch die kleineren oder unsicheren Teilnehmer wagen sich mit Unterstützung ihrer größeren Kameraden ans Pferd und wenn man sich gegenseitig hilft, ist sogar das komplizierte Hufauskratzen kein Problem. Während die Jüngeren mit strahlenden Augen ihre Erfolge feiern, avancieren die Älteren dabei gerne mal zum Hilfsteamer. Denn wer Verantwortung für „sein“ Pferd übernimmt, hat auch oftmals ein Auge auf Andere. Am Pferd werden sogar die größten Streithähne zum Teamplayern Streiten oder laut werden, funktioniert in der Stallgasse nicht und so werden schnell andere Lösungen gesucht. Die Einen einigen sich auf strikte Arbeitsteilung, die Anderen unterstützen sich gegenseitig. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Früher oder später stehen die Pferde geputzt und gesattelt in der Halle und sind bereit für die Reitstunde. Wer gerade nicht reitet, der lernt den Alltag auf dem Hof von einer anderen Seite kennen. Jeden Tag steht Stallarbeit auf dem Programm und auch hier begreifen die Kinder schnell, dass das dazu gehört. Wer sich drücken will, wird von den anderen Teilnehmern wieder eingesammelt. „Wer jeden Tag reiten will, muss auch jeden Tag ausmisten.“ Dabei steht allerdings nicht nur das Saubermachen der Boxen auf dem Plan. Gemeinsam werden die Putzkisten gesäubert oder die Stallgasse gekehrt und auch Sättel und Zaumzeug wollen gepflegt werden.

Natürlich lernen wir nicht nur, wie Ordnung und Sauberkeit funktioniert und dass ein Pferd Arbeit bedeutet. Nicht umsonst werden die Tiere schnell zu wichtigen und beliebten Hilfsteamern bei unserer Freizeit. Sobald die Pferde in der Nähe sind oder es auf eine Reitstunde zugeht, sinkt der Lärmpegel. Unterbewusst kehrt Ruhe ein, denn allen ist klar, dass es „total doof“ ist, über den Hof zu rennen und Streit oder Geschrei in der Reithalle nicht angebracht ist. Warum? Klar, Pferde haben eine beruhigende Wirkung auf uns, Hektik und Lautstärke erschrecken die Tiere jedoch und üben negativen Druck aus. Dass eine ruhige und freundliche Atmosphäre auch den Kindern und Jugendlichen selbst gut tut, bemerken unsere Teilnehmer spätestens, wenn sie den Kontrast zwischen dem Pferdestall und dem Haus, in dem wir untergebracht sind, erleben. Und oft entscheiden sie sich dann selbst für die leisere, friedlichere Variante.

Was vorhin im Stall gut geklappt hat – „diskutieren nicht streiten“, „fragen nicht befehlen“, „zusammenarbeiten nicht gegeneinander“ – lässt sich durchaus auch auf den „Alltag“ im Haus übertragen. Obwohl Pferde nicht sprechen können, kommunizieren sie mit uns. Dabei gilt es herauszufinden, wie man das Zehnfache seines Körpergewichts bewegt. Mit Kraft? Unmöglich. Gut zureden hilft ebenfalls nur in den wenigsten Fällen. Bevor es aufs Pferd geht, lernen also erst einmal alle, wie sie sich mit ihrem Partner verständigen können. Klar und deutlich müssen die Kommandos ausgesprochen werden, damit die Pferde eine Chance haben, zu verstehen. Körpersprache ist ebenso wichtig. Ich muss mir bewusst sein, was ich möchte und dies auch mit meinem Körper ausdrücken.
Zaghafte oder schüchterne Versuche sind nur selten erfolgreich. Aufrecht stehen, selbstbewusst sein, sich durchsetzen: Das fällt nicht allen leicht, aber man kann es lernen. Erst wird bei der Bodenarbeit neben dem Pferd geübt, dann vom Sattel aus. Die Kommunikationsübungen mit dem Pferd lassen sich schnell auch auf die Mitmenschen übertragen. Manche können schon „frei“, also ohne Begleitung reiten, müssen sich dann aber mit ihren Mitreitern absprechen, damit es nicht zu Unfällen oder Stau kommt. Dabei gelten natürlich dieselben Regeln wie bei der Kommunikation mit dem Pferd. Klare Aussagen treffen und Wünsche richtig formulieren, den Anderen verstehen und versuchen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Jeder will mal durch das Stangenlabyrinth reiten, aber alle gleichzeitig geht eben nicht.

Für diejenigen, die zu Beginn zu zweit am und auf dem Pferd sind – einer führt, der Andere reitet – gilt hier sogar Schwierigkeitsstufe Zwei: Bevor man das Pferd nach links lenkt, sollten sich beide einig sein, dass es jetzt tatsächlich nach links geht. Denn wenn einer bremst und der Andere schiebt, passiert nur eins: Das Pferd bleibt stehen und wartet ab, bis seine Menschen sich einig sind. Zu Beginn sind einige Diskussionen in der Reithalle zu hören, aber mit der Zeit wird weniger geredet und mehr geritten. Übung macht den Meister. Am Ende der Woche haben wir eine ganze Reihe kleiner und großer Meister. Und alle haben etwas dazu gelernt, der Eine oder Andere vielleicht mehr, als er im ersten Moment glaubte.

Annika Kürner

Galerie